8.1.2 mein Geburtstag

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Menschen jeden Alters und Geschlechts nennen einen Tag jeden Jahres im Zeitenlauf “meinen Geburtstag”. Sobald dieser Tag ihrer Meinung nach gekommen ist, schreien sie und plappern ohne Ende in das Gerät Telefon. An der Geburtstagsparty präsentieren sie Dinge aus ihrer bestehenden Existenz, welche die Gäste bewundern müssen: Fotos, ausgeschlagene Zähne, Medaillen, Erbstücke der Familie. Fortgeschrittene feiern sogar mehrere Geburtstage: diese heissen dann “meine Erweckung”, “ich fühle mich wie neugeboren”, “ich bin als Christ ins Leben erwacht” und ähnlich. Bei Kindern auf dem Weg zur Menschwerdung wird dieser Tag von den Mutter- und Vatertieren zu einem Kampf um Leben oder Tod gemacht. Die Kinder werden gnadenlos mit in Formen gegossenem Kunststoff beschossen, zwischen dem sie ums überleben kämpfen, und dessen Form sie einerseits ermahnt, selber etwas zu werden, ihnen anderseits eine Zukunft prophezeit, z.B. die Zukunft als Mutter, als Motorfahrer, als Hausbesitzer etc. Um die Geister versöhnlich zu stimmen, schmettert das Kind den Kunststoff kreischend an die Wand, worauf er in Stücke geht.
Der Geburtstag gilt als Freudentag: er beginnt in ausgelassener Stimmung, mit immer wiederkehrenden Freudenformeln, und endet mit kaputten Geschenken, Kopfweh und Niedergeschlagenheit, da die Existenz nicht stehengeblieben ist.