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Republik Betschland

Hautnah Geschichte erleben - ein unbeschreibliches Gefühl! Erhebende, bewegende, grosse Momente, oh ja! Man ist hier und jetzt dabei, mittendrin vor Ort. Heute ist es, jetzt, da der Lauf der Geschichte eine Wendung nimmt! Von Beginn weg verfolgten wir das Geschehen ja live vor Ort, oder dann live im Fernsehen! Wir sahen die Hauptakteure hautnah - allen voran natürlich Karl Betschart!

Fünf Wochen ist es her, dass Karl Betschart sein Einfamilienhaus mit Umschwung sowie das benachbarte, in dem sein Bruder Serge lebt, zur souveränen Republik Betschland erklärt hat. Seither konnte man den imposanten Mann mit dem wallenden Bart und den stechenden Augen immer wieder auf den verschiedenen Fernsehkanälen sehen. Energisch führt er aus, wie er, Karl Betschart, und sein Bruder, Serge Betschart, sowie dessen Frau, drei Kinder und Hund, ihre eigene Ethnie seien. Sie hätten halt ihre ganz eigene Art und Ansicht. Und ihre Ahnherrin Maria Martha Betschart sei höchst wahrscheinlich während des Suvorow-Feldzugs von einem Kosaken geschwängert worden, so dass ein besonderes Blut in ihnen pulsiere. Sie seien überzeugt, dass sie auf eigenen Beinen am ehesten seelig würden. Aus allen diesen Gründen sei Betschland gegründet worden.

In der Bevölkerung erfreuen sich die Betscharts gewisser Sympathien, das ist ganz klar. Die alles entscheidende Frage aber war, wie die Staatsmacht auf die Sezession  reagieren würde.

Während der ersten fünf Wochen glich sich das Bild: das Areal war von der Armee und Polizei abgesperrt und umstellt worden. Hinter diesem Riegel sammelten sich die Schaulustigen. Es gab Würstchenbuden und improvisierte Wirtschaften; man reichte die Feldstecher herum, durch welche man die beiden Häuschen friedlich ruhen sah. Eine selbst gemalte Schweizerfahne mit blauem Rand und einem Kosakenpferdchen über dem weissen Kreuz wehte am Mast, in den Büschen rundherum lagen die Grenadiere in ihren neuen Tarnanzügen. In den Häuschen selber regte sich nur selten etwas. Manchmal ging ein Fenster auf, und die Frau von Serge Betschart hängte etwa eine Decke zum Lüften heraus, oder eines der Kinder strecke neugierig den Kopf vor, wurde aber sogleich vom Fenster weggeholt. Die vier albanischen Body-Guards, welche die Betscharts zur Verteidigung der Landesgrenze engagiert hatten, bekamen wir aber nur im Fernsehen zu sehen. Die ganzen fünf Wochen nach der Unabhängigkeits-Erklärung standen sich die Armee und die vier Albaner abwartend gegenüber, ohne dass etwas geschah.

Es stellte sich heraus, dass die beiden Einfamilienhäuser mit doppelten Gartenzäunen gut gesichert waren, und dass das komplette Areal von Kameras überwacht wurde. Ausserdem hatte sich Betschland offenbar mit allem Lebensnotwendigen reichlich eingedeckt, so dass einer Belagerung lange standgehalten werden konnte - Solarzellen lieferten Energie, das Grundwasser war angezapft, die Kaninchenställe waren voll belegt, und eine Kuh und ein paar Hühner liefen als Notvorrat hinter dem Haus herum.

Mehrmals am Tag berichtete das Fernsehen über die neuste Entwicklung. Der Jubel war gross, als die Landesregierung zum ersten Mal eine Bedingung von Betschland zur Normalisierung der Beziehungen erfüllte, und einen Teil der Armee mit einem kunstvollen, imposanten Rückzugs-Manöver abzog.

Fortan standen Verhandlungen im Mittelpunkt. Man sah nun Helikopter in der Nähe von Betschland landen, denen wechselnde Delegationen entstiegen. Während bei den ersten Treffen noch der Gemeindeammann Knez, der Gemeindeschreiber, und der Pfarrer, Schibig, unter den Abgeordneten waren, erschien später wiederholt der Herr Aussenminister Bonstett, zuletzt begleitet vom Diplomaten Matthias Seider, der schliesslich der erste Botschafter in Betschland werden sollte (mit Residenz in der zur Einzimmer-Wohnung umgebauten Zweitgarage). Für uns war vor allem das Erscheinen von Clara Betschart und den Kindern im Dorf ein hoffnungsvolles Zeichen. Noch vor Abschluss der Verhandlungen durften sie Betschland nach Gutdünken verlassen, ohne weitere Formalitäten an der Grenze. Clara und die Kinder wurden nun wiederholt im nahen Einkaufszentrum und im McDonalds gesehen.

Als Betschland schliesslich als Nation und souveräner Staat anerkannt wurde, waren wir mit Hunderten von anderen Schaulustigen vor Ort und feierten ein unvergessliches, spontanes Volksfest, an welchem zu unserer unbeschreiblichen Freude auch der Held Karl Betschart und sein Bruder Serge Betschart teilnahmen, die mit eisernem Willen, mit überzeugungskraft, und mit bewundernswertem Mut einer vielfach überlegenen Armee und Staatsmacht getrotzt und ihre persönliche Revolution vollbracht hatten.

Seither werden wir vom schnellen Fortschreiten der Geschichte geradezu überrollt. Vor vier Tagen erklärte sich das idyllische Einfamilienhaus-Quartier «Sonnenblick» im Kanton Aargau zur unabhängigen Republik Sonnenblick. Der neue Staat benutzt die Gemeinschaftsantenne, um seine eigene Fernsehsendung in die Welt zu strahlen. So konnten wir am Gründungstag die Ansprache von Walter Kieslig, des ersten Staatspräsidenten, verfolgen, der mit der Erklärung an die öffentlichkeit trat, dass sich die Sonnenblick-Bewohner schon viele Jahre kennen. Sie würden inzwischen eine in sich selber ruhende, harmonische und unverwechselbare Gemeinschaft bilden, welche als eigenes Volk angesehen werden müsse, nicht so sehr durch das Blut, sondern durch übereinstimmung der Sitten und Gebräuche. Dieses Volk wolle heute nach eigenem Gutdünken und Geschmack weiterleben, und erkläre sich somit einstimmig zur souveränen Republik Sonnenblick. Täglich von 18 bis 19 Uhr kann man die Sitzungen der Regierung live mitverfolgen, die in diesen schönen Sommertagen im Garten des Staatspräsidenten beim Grillieren abgehalten werden.

Vorgestern dann folgte das Restaurant Heimatland in Gerzwil im Zürcher Oberland, das die judenunabhängige Union Gloria ausrief, mit dem Altersheim Bergli als autonomem Unionspartner. Unmittelbar darauf wurde vom Gottesstaat «Terra nova» berichtet, der erste neue Nachbarstaat der Union Gloria.

Es scheint, als sei eine Lawine losgetreten worden. Heute wurden an einem einzigen Tag die folgenden neuen Nationen gemeldet: der Bergsitz Kampnau, die freie Länderei Wollishofen, die übergreifende geistige Ethnie Krapf, die supra-territoriale mikrobiologische Produktions- und Forschungsanlage Worldpool, und die befreite Tourismus- und Golfzone Pleasurepark.

Wir Heutigen aber dürfen die glückliche Zeit miterleben, in welcher der Mensch sich endlich von den Fesseln aufgezwungener, künstlicher Staatsgebilde löst, und sich auf die eigenen Füsse stellt. Nach Jahrhunderten und Jahrtausenden beginnt er endlich zu gehen, sich dabei auf das Naheliegende besinnend, um sein Glück auf eigene Faust zu suchen.