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Neues vom neuen Menschen

Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich freue mich, Sie aus den Labors des Instituts für Human-Forschung der Firma Inphant begrüssen zu dürfen. Bei mir ist Professor Doktor Peter, der uns am heutigen Abend in die Geheimnisse des Projektes «Eden» einweihen wird. Guten Abend, Herr Professor.


Guten Abend.

Nicht zum ersten Mal haben Sie und Ihr Team für Schlagzeilen gesorgt! «Inphant will den Menschen ohne Mund», konnte man lesen. Was aber steckt wirklich hinter dem Projekt Eden?

Eden ist selbstverständlich viel komplexer! Richtig ist, dass wir uns getrauen, ganz grundsätzliche Fragen zu stellen. Und eine Frage lautete: «braucht der Mensch einen Mund zum Sprechen?» Nun, wir haben die Frage mit «Jein» beantwortet! Tatsache ist, dass die modernen Kommunikationsmittel die Naturlaute zu einem guten Teil überflüssig gemacht haben. Eine einfachere, aber leistungsfähigere Mundöffnung - etwas zentraler im Gesichtsbereich als bisher - und die Umgestaltung des Halses und der Stimmbänder machen also durchaus Sinn. Auf der anderen Seite wollen wir die manchmal wertvolle künstlerische Ausdrucksfähigkeit nicht verunmöglichen – man denke an den Gesang - und prüfen daher eine im Bedarfsfall anwendbare Variante, die wir provisorisch «Kunstöffnung» nennen.

Wie Sie mir bereits verraten haben, geht es bei Eden aber noch um viel mehr - ja ums Ganze!

Eden bedeutet für uns die Arbeit an einer glücklicheren Zukunft des Menschen, äh... der ganzen Menschheit! Man darf an dieser Stelle sicher einmal erwähnen, dass Inphant seit Jahren in eine bessere Zukunft für alle investiert. Für Eden wurde ein hochqualifiziertes Team aus Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Genetik, interdisziplinär ergänzt mit Fachkräften aus Biologie, Soziologie, Psychologie und Philosophie zusammengestellt. Wir begnügen uns nicht mit Stückwerk, wie das bei früheren Projekten der Fall war – Verbesserung der Wirkbelsäule, Beförderung des überflüssigen Steissbeins auf die Müllhalde der Evolution, Leistungssteigerung des Herzens usw. Es stellt sich uns heute die Aufgabe, innovative Lösungsvorschläge zu den grundsätzlichen Problemen des menschlichen Daseins zu präsentieren. Was wir wollen, ist ein ganzheitlicher Entwurf eines neuen, verbesserten Menschen.

Das klingt ja hoch interessant! Da müssen sich ja zahlreiche Fragen stellen! Und können Sie unseren Zuschauerinnen und Zuschauern schon etwas über die Resultate verraten?

Nun, die Frage «wieviele Beine braucht der Mensch zum Leben?» haben wir dahingehend beantwortet, dass zwei vorläufig genügen sollen. Ich bitte um Verständnis, wenn ich nicht allzu detailliert werde. Obwohl unser Projekt bahnbrechend ist, befinden wir uns doch in einer Konkurrenzsituation, was die spezifischen genetischen Entwicklungen betrifft.

Aber ihr Team befasst sich ja ebenfalls mit den Geschlechtsorganen!

So ist es. Diese sind mit der Platzierung zwischen den Beinen nicht unproblematisch angebracht. Die gewöhnliche Kopulation etwa ist weder besonders einfach zu vollziehen noch besonders ästhetisch. Gleiches gilt für die traditionelle Geburt, die durchaus ein sinnvolles persönliches Erlebnis sein kann und daher für die verbesserte Frau möglich gemacht werden soll. Zu den praktischen Überlegungen kommen Erkenntnisse der neueren Sexualpsychologie hinzu. Dass die Sexualität in unserer Gesellschaft bedauerlicherweise immer noch ein Problem darstellt, hat viel mit der mangelnden Aesthetik der damit verbundenen Vorgänge zu tun, welche mit der Entwicklung des primitiven Menschen zum Kulturwesen einfach nicht Schritt halten konnten. Die Organe selber sind leider auch keine Zier. Unser Ziel bei der Gestaltung und Platzierung der Geschlechtsorgane ist es, die ästhetischen Gesichtspunkte aufzuwerten und die Anwendung zu vereinfachen.

Oho, Doktor Peter, da bin ich aber gespannt! Verraten Sie uns noch ein paar Ihrer Geheimnisse!

Nun gut, eine zentrale Frage jedes Humanprojektes ist natürlich das Gehirn. Wir sind der Meinung, dass ein dezentrales Gehirn unbestreitbare Vorteile bringt. Wir arbeiten daher an einem Knochenbau, der die Anlagerung der Hirnzellen unmittelbar beim Knochenmark zulässt. Die Hirnzellen werden auf diese Weise im ganzen Skelett verteilt. Die gegenwärtige Hirnmasse weist ein Volumen auf, welches dies problemlos zulässt.

Welches sind denn die Vorteile, von denen Sie sprechen?

Die unmittelbaren Vorteile bestehen darin, dass die sensitive Wahrnehmung und die körperliche Steuerung schneller erfolgen, da das Gehirn im ganzen Körper verteilt ist und quasi vor Ort arbeitet. Die Transmittion und damit Wahrnehmung und Reaktion ist schneller, und es treten weniger Übertragungs-Störungen auf. Salopp ausgedrückt lernt beispielweise der kleine Zeh selber denken, ha ha! Eine revolutionäre Wende versprechen sich aber auch unsere Spezialisten aus der Philosophie. Sie glauben, dass die Zerrissenheit des Menschen, der Körper und Geist leider nicht als Einheit erleben darf, vermindert wird oder sogar verschwindet. Der menschliche Geist - der doch stark mit dem Gehirn verbunden ist - sitzt ja nicht mehr nur im Kopf und schaut sozusagen auf den Körper herab, sondern verschmilzt mit dem Körper, was in der Zukunft ein freudiges, kräftiges Ja des Menschen zu sich selber möglich machen wird. Vor allen andern unser Nietzsche-Spezialist, Professor Kneblig, ist diesbezüglich geradezu euphorisch gestimmt.

Fragen über Fragen! Aber, äh, was geschieht denn in Zukunft mit dem Kopf?

Als traditionelles Erkennungsmerkmal bleibt er selbstverständlich auf dem Hals sitzen. Die Hirnschale aber bleibt leer. Wir glauben, dass damit wertvoller Platz für die Zukunft gewonnen ist. Für alle traditonellen, dem alten Plan der Natur nachgebauten Menschen von heute werden wir übrigens ein Verfahren anbieten, welches das Hirn in den Körper herunterspült, was allen den Anschluss an die neue Zeit ermöglicht.

Brilliant, Herr Professor, herzliche Gratulation! So kann ich nur noch...

...etwas möchte ich noch anfügen, weil es mir sehr wichtig scheint. Wir stehen kurz davor, ein sehr altes Problem der Existenz zu lösen, das darin besteht, dass der Mensch erst durch eine oftmals erschöpfende Anstrengung produktiv und damit nützlich werden kann.
Der zukünftige Mensch nun wird von Geburt an produktiv und nützlich sein, da sein Rotz eine wertvolle Substanz enthält. Der Rotz eines jeden Menschen wird zu einem hochwertigen Werkstoff verdichtet werden können, der sich vorzüglich für die Herstellung von Schrauben jeder Grössenordnung eignet!

...ach ja? ...sehr interessant... ich bin beeindruckt! Besten Dank für dieses Gespräch, Doktor Peter. Und Ihnen, liebe Daheimgebliebene, wünsche ich einen ungestörten Schlaf. Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, gute Nacht!