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Demokratische Strategien für die Zukunft

Lieber Yves

Die Idealisten-Party in Zürich war ein echter Hammer! Schade, dass du nicht dabei sein konntest. Schon lange nicht mehr habe ich mich so königlich amüsiert. Und als es später blutende Nasen gab, konnte ich mich glücklicherweise unbehelligt aus dem Staub machen!


Als ich im «Lambada» eintraf, hing Leopold 1 - du weisst schon, der Leninist - schon vornüber gebeugt an der Bar, kam aus dem Gleichgewicht, wenn er sich zu schnell zur Seite drehte, und kippte den nächsten Vodka. Er machte Lärm in Richtung der Demokraten, die sich beim Sofa versammelt hatten.

«Bekanntlich ist die Masse blind, nennen wir diese Blindheit dumm, und die Mehrheit, da grössere Masse, immer blöder als die Minderheit, was noch immer nicht heisst, dass diese gescheit wäre!», rief er etwa spuckend, und prostete ihnen boshaft zu.
Auf diese Weise kam schnell Stimmung auf! Die Anarchisten durften nun nicht nachstehen. Holzinger und Läubli waren da, die sich neuerdings als Papst Holzinger und Kardinal Läubli vorstellen. Sie und ihre Bande inszenierten eine lautstarke Diskussion, in der boshaft darüber gestritten wurde, ob es sich bei der Demokratie um ein politisches System handle oder nicht.
«Die alten Griechen haben den Begriff gebraucht, wenn nicht ein Einzelner, sondern mehrere Personen zusammen eine Herde Rindvieh kauften. Demokratie ist also ursprünglich ein Wort aus dem Viehhandel. Inzwischen ist es zu einem Sammelbegriff geworden, der im Grossen und Ganzen verschiedene Konsumgruppen bezeichnet», posaunte der Papst.
«Schnauze halten, ihr anachronistischen Dreckhälse», hörte man vom Sofa her.
Nur musste sich nun auch Kardinal Läubli in Szene setzen: «Damit das klar ist: die demokratischen Parteien haben nicht versagt. Im Gegenteil haben sie ein sehr schwieriges Problem gelöst: sie haben herausgefunden, wie man den politischen Geist in eine Leuchtreklame verwandelt. Und sie garantieren das allgemeine Recht auf Verblödung».

Die Demokraten riefen, dass sie das Eselsgeschrei schon abzustellen wüssten, krempelten die Aermel hoch und drängten zur Bar. Es musste jeden Augenblick zu Handgreiflichkeiten kommen.
«Meine Damen und Herren!», schaltete sich da der beleibte, bärtige Mensch ein, der mir schon zuvor aufgefallen war, als er die ganze Zeit über teilnahmslos am Fenster stand. Während die anderen Idealisten bereits mit ihrer Kleidung eine Zugehörigkeit verrieten, trug er Anzug und Krawatte, hatte sich eine Aktenmappe unter den Arm geklemmt, und passte als Gesamterscheinung so gut ins Gruppenbild wie eine Coiffeuse im Eingeborenendorf.
«Meine Damen und Herren, bitte hören Sie mich an. Wozu sich streiten? Hören Sie meinen Vorschlag an. Es gibt ein einfaches, sinnvolles Ziel, das wir mit vereinten Kräften anstreben sollten!»
Ob er nun mit seiner Intervention den Augenblick traf, oder ob es an seiner unpassenden Erscheinung lag, in der man eine gewisse Komik entdecken konnte, jedenfalls zog er tatsächlich alle Aufmerksamkeit auf sich.
«Man kann sich endlos über Systeme streiten, ohne zu einem Ende zu kommen. Insgesamt liegen die Ideen doch sehr fern von unserer alltäglichen Welt. Anstatt einem fernen Ideal nachzujagen, sollten wir einfache, absehbare, kleine Schritte machen. Diese verändern die Welt nicht in einer revolutinären Weise - wenn sie sinnvoll und realisierbar sind, führen sie aber doch Schritt um Schritt in eine bessere Zukunft».

Während er zu sprechen begann, wurde er ausserordentlich lebendig. Eine nervöse Begeisterung erfasste ihn, er füsselte vor und zurück, und begleitete seine Worte mit zuckenden Bewegungen der Unterarme. Hypnotisch starrte er eine Weile denselben Punkt an, dann wandte er den Kopf ruckartig in eine andere Richtung. Alle verfolgten dieses Schauspiel wie gebannt.

«Die Probleme unseres Landes lassen sich mit einem Schlag lösen: indem wir unser Land durch eine einfache demokratische Abstimmung auflösen, um sodann ein neues, fusioniertes Land zu gründen! In einem zweiten Schritt wird der neue, konkurrenzfähige Staat privatisiert werden.
Dieses Verfahren entspricht einer äusserst effizienten Reform und Rationalisierung. Die Schweiz sollte sich mit einem anderen Land zusammenschliessen und dadurch ihre Zukunftsperspektiven markant verbessern. Es ist ja sofort klar, dass bezüglich Verwaltung, Militär und des ganzen Staatsapparats unter den Staaten sehr viele, ja fast ausschliesslich Doppelspurigkeiten bestehen. Das gesamte Personal von politischen Vertretern, ihren Delegierten und deren Beamten, von Militärs und Räten aller Art, könnte also auf einen Schlag halbiert werden!»

«Mein konkreter, praktischer Vorschlag ist daher der Zusammenschluss mit Österreich! - Da staunen Sie, aber überlegen Sie einmal, welches andere Land würde sich besser eignen?
Jede offizielle Ansprache beschwört die zahllosen Gemeinsamkeiten. Wir Alpenländer, heisst es dann immerfort. Wie wahr gesprochen, wie wahr, sage ich! Die beiden Länder sind so schwesterlich verwandt wie zwei Schimmelpilze auf einem hohlen Baumstrunk, ähm, ...gleichen sich wie Eier. Die traditionelle Wirtschafts- und Lebensweise, die kulturelle Vielfalt, die biedere Mentalität und Gemütlichkeit, der Schienen- und Autoverkehr bis an den Rand der hinterletzten Gebirgskante, die Gastfreundschaft nur gegen Geld, die Fremdenfeindlichkeit, das Zigarettenrauchen, die Majestät der Berge und Seen - alles dasselbe, ganz dasselbe.
Fragen Sie doch einmal die Leute auf der Strasse nach Unterschieden! Sie werden sehen, welch furchtbares Grübeln und unsinniges Gestotter dann losgeht!
‘Ist etwa das Gras nicht dasselbe und die Wäsche nicht, die an der Leine hängt?’ fragte ich einmal ein altes, knorriges Männchen, und das Männchen studierte und studierte, sagte aber kein Wort mehr - wahrscheinlich steht es heute noch auf dem selben Fleck und grübelt.»

Er wartete einen Augenblick auf seinen Tribut, fuhr dann aber, da niemand lachte, rasch fort.
«Obwohl mein Vorschlag so einleuchtend und einfach ist, stehen seiner Verwirklichung ärgerliche Probleme psychologischer Natur im Wege. Einige spitzfindige Pensionäre - nebenbei bemerkt: gut organisierte Leute! - werden nicht müde, die paar lächerlichen Unterschiede hoch und heilig zu halten, welche sie zur nationalen Identität stilisieren.
Wenn Sie selber Zweifel an der Deckungsgleichheit der beiden Länder haben, gebe ich Ihnen einen Tipp: sprechen Sie doch einmal mit einem fernöstlichen oder amerikanischen Touristen, der beide Länder bereist hat. Sie werden sehen, dass er kaum weiss, dass er eine Staatsgrenze passiert hat, und wenn er es weiss, hat er es zufällig auf einer Landkarte gesehen.
Als charakteristischen Unterschied der beiden Völker nennt er ohne zu zögern den ‘Heurigen’ Osterreichs und den ‘Most’ der Schweiz! Zuhause zeigt er dann seinen Bekannten die Fotos dieser beiden Länder: Berge, Seen und Trachtengruppen, für den Normalbürger nicht voneinander zu unterscheiden».

«Man muss mit praktischen Schwierigkeiten rechnen, das will ich Ihnen nicht verschweigen. Eine friedliche, demokratisch herbeigeführte Fusion zweier Staaten ist eine erstmalige Sache! Die Vorteile werden die Anstrengung aber lohnen!
Womit wir bei den Finanzen sind: ich fordere, dass die Verfassung durch Wertpapiere ersetzt wird, die an alle Staatsangehörigen abgegeben werden! Auf diese Weise kann jeder Bürger und jede Bürgerin am Aufschwung partizipieren! Das fördert bekanntlich die persönliche Motivation ungemein. Die Verfassung muss weg und Aktien müssen ausgegeben werden.
Diese könnten zum Beispiel als Bürgerschein gelten. Die Steuern würden als Dividende wieder ausbezahlt oder aber Aktien sämtlicher einzelner Posten des Anlagevermögens ausgegeben, so dass ein Quartierverein die Aktiengesellschaft der Quartierstrasse würde und diese kommerziell nutzen dürfte, oder die Anwohner des Güterbahnhofs dessen Verwaltungsrat wären.
Oder die Familie XY käme zur Aktienmehrheit an einer Strassenlampe, die sie nach Gutdünken ein- und ausschalten und als Werbefläche vermieten dürfte usw. Die unternehmerische Phantasie und der Wettbewerb könnte sich endlich auch dem Vaterland zuwenden.
Im Falle einer Ueberschuldung würde einfach der Nennwert halbiert und die Aktienzahl um einen Drittel erhöht - eine todsichere Sache! Ausserdem gibt es ja immer Investoren, nicht wahr! Doch ich will sie nicht mit Details langweilen! Ein fusionierter Staat ist eine runde, zukunftsorientierte Sache, von der in bekannter Manier alle profitieren werden.»

«Zur Verwirklichung meiner Idee bedarf es nur einer simplen Abstimmung. So bitte ich Sie, Ihre Unterschrift auf die Initiativbogen zu setzen, die ich mitgebracht habe», er hielt einen Bogen in die Höhe.
«Uebrigens müsste natürlich noch ein geeigneter Name für das neue Land gefunden werden. Mein persönliches Empfinden schwankt zwischen Schwösterrei und Östereiz - letzteres wäre wohl ausgeglichener und kompromissfähiger!»

«Aber darüber können wir gerne noch diskutieren... Ich habe geschlossen, besten Dank», fügte er etwas leiser hinzu, als ihn immer noch alle sprachlos anstaunten.

Die allgemeine Verblüffung hielt noch einige Sekunden an. Dann ging alles sehr schnell. Irgendwer begann wortlos dreinzuschlagen. Einige Gläser fielen klirrend zu Boden, und schon war eine zünftige Rauferei im Gange.
Wie bereits erwähnt, konnte ich mich glücklich in Sicherheit bringen. Am Ausgang sah ich dann den Redner wieder, der sich ebenfalls verdrückt hatte.
Er verliess die Party zu diesem Zeitpunkt, Visitenkarten verteilend. Ich erhielt ebenfalls eine: «Karl Marty, Versicherungen», stand darauf, mit einer Adresse und einer Telefonnummer.
Wir hatten dann noch ein Stück gemeinsamen Nach-Hause-Wegs.

Nun staunst du vielleicht, dass du neben diesem Brief einen Unterschriften-Bogen der Initiative «CH + A = CHACHACHA» vorfindest.
Ich muss gestehen, dass ich es schon länger satt hatte, Sozialdemokrat zu sein. Selbst wenn in unserem Land irgendwann die sozialdemokratische Partei die Parlamentsmehrheit erringen würde, wäre damit nur ein neues Establishment an die Macht gekommen, dessen Hauptinteresse der Machterhaltung und damit der Fütterung ihrer Klientel gelten müsste.
Setz also bitte deine Unterschrift unter die Initiative und schick den Bogen an Vreneli weiter!
Ich bin überzeugt, dass wir diesen ersten, sinnvollen Schritt schaffen - und danach sehen wir weiter!

Viele Grüsse Dein G.