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Ein herzlicher Willkomm unseren chinesischen Mitbürgern

Er sass einfach da und rauchte. Das war dem Polizisten einfach aufgefallen. Wie er natürlich sowieso einfach auffällig war.
«Ein Chinese!», dachte der Polizist – der ja nicht besonders bewandert war, aber trotzdem. «Sitzt einfach auf dem Mäuerchen, raucht, und tut sonst gar nichts.»

Die Passanten eilten am Chinesen vorüber. Der Verkehr rollte vor ihm durch. Das Mäuerchen gehörte zum Inventar der Stadt Z. Schliesslich ging der Polizist zu ihm hin.

«Guten Tag!» Der Polizist lächelt freundlich. Es scheint fast, als wolle er dem Chinesen die Hand schütteln – auf jeden Fall streckt er seine Hand ein wenig vor, legt sie dann aber auf die Gurtschnalle.
«Entschuldigen Sie! Sie können selbstverständlich hier sitzen bleiben! Es ist nur… ich dachte, dass ich Sie darauf aufmerksam mache, dass die Stadt bequeme Sitzgelegenheiten zur Verfügung stellt. Sie sind nicht von hier… und vielleicht wissen Sie das ja nicht… In unseren verschiedenen Stadtparks wurden ruhige und erholsame Aufenthaltsräume für Gross und Klein geschaffen. Nur ein Tipp von mir!»
Der Chinese sagt nichts. Mit ausdruckslosem Gesicht, vor dem der Rauch der brennenden Zigarette aufsteigt, schaut er zum Polizisten hoch. Zehn Sekunden verstreichen.
«Ich nehme an, dass sie nicht allein hier sind… ich meine… einfach so hier… dass sie etwas zu tun haben! Vielleicht warten Sie auf jemanden.» Der Polizist schaut fragend in ein unbewegtes Gesicht. «Also… wenn Sie aber keine Arbeit haben, melden Sie sich doch bei der städtischen Sozialstelle, die hilft Ihnen gerne weiter. Die Adresse finden Sie in jedem Telefonbuch.»
Der Chinese schaut ihn stumm an, schaut dann geradeaus. Der Polizist steht wartend vor ihm. Schliesslich drückt der Chinese die Zigarette an der Mauer aus, wirft sie weg, steht auf, und geht langsam davon, ohne ein Wort, ohne einen weiteren Blick.
Der Polizist rührt sich nicht, schaut ihm nach, und schaut dann auf den Zigarettenstummel. Er zögert einen Moment, dann bückt er sich.
«He Sie, Hallo!» Der Chinese hört hinter sich diesen Ruf und spürt kurz darauf eine Berührung an seinem Arm. Er bleibt stehen und dreht dem Polizisten das Gesicht zu.
«Sie hätten ruhig fertig rauchen können», der Polizist lächelt wieder, aber diesmal nur kurz.
«Und die Stummel brauchen Sie nicht auf die Strasse zu werfen! Es hat überall Abfallbehälter. Sehen Sie, da vorn steht schon einer. Die Behälter werden regelmässig geleert. Wir sollten alle mithelfen unsere Stadt sauber zu halten.»
Der Chinese blickt auf den Stummel in der Hand des Polizisten.
«Sie brauchen übrigens nicht zu Fuss zu gehen! Gleich da drüben gibt es eine Tramhaltestelle.» Der Polizist zeigt darauf, der Chinese blickt in die angezeigte Richtung.
«Wenn Sie aber lieber Bus fahren, finden Sie 30 Meter entfernt die Bushaltestelle. Da vorn!»
Der Chinese blickt in die neue Richtung, wirft dem Polizisten einen schnellen Blick zu, und trottet davon.

«Ich bringe Sie besser hin!» vernimmt sich die Stimme des Polizisten, und schon geht er lächelnd nebenher. Eine Minute später sind sie da.
«Da sind wir schon», verkündet der Polizist zufrieden.
Die Wartenden mustern die beiden. Der Chinese erstarrt und blickt ausdruckslos geradeaus, der Polizist beginnt neben ihm auf den Füssen zu wippen. Er schaut auf die Uhr.
«Der Bus muss bald hier sein. Unsere Busse fahren im Sieben-Minuten-Takt. Man braucht also nie lange zu warten!»
Sie stehen schweigend nebeneinander. Nach wenigen Minuten schaukelt der Bus heran.
«Sehen Sie, da ist er ja schon! Uebrigens wechselt am Wochenende der Takt, der Bus fährt dann alle zehn Minuten! Gute Heimreise!»
Der Chinese steigt ein. Er setzt sich auf der dem Polizisten abgewandten Seite und blickt starr geradeaus. Erst als er das Zischen hört, mit dem die Tür schliesst, dreht er vorsichtig den Kopf, und sieht den Polizisten unverändert am Bushalt stehen. Jetzt winkt er sogar. Sofort blickt der Chinese wieder weg.

«Haben Sie übrigens ein Billet?»
Eine Sekunde lang reisst der Chinese die Augen auf, als er von draussen diesen Ruf vernimmt und sieht, wie der Polizist heftig den Türöffner drückt. Zischend öffnet sich die Tür.
«Haben Sie ein Billet?»
Der Polizist hat es geschafft, eine Sekunde vor der Abfahrt zuzusteigen. Er steht mit besorgter Miene neben dem Chinesen.
«Wie konnten wir das Billet vergessen! Macht aber nichts! Ich werde das für Sie in Ordnung bringen! Kommen Sie mit!»
Er greift den Arm des Chinesen und zieht ihn vom Sitz hoch. Sie gehen nach vorn zum Fahrer.
Beim Fahrer gibt der Polizist eine längere Erklärung ab, mit dem einzigen Resultat, dass der Fahrer brummt, er müsse sich konzentrieren.
«Wenn Sie kein Billet ausstellen können, halten Sie doch am nächsten Stopp etwas länger an, so dass die Zeit zum Bezug eines Billets am Automaten reicht», schlägt der Polizist vor. Der Fahrer wirft ihm einen feindseligen Blick zu und murmelt etwas. Der Polizist sieht ihn erstaunt an, begreift dann aber, dass sein Plan scheitern muss.
«Gehen wir!» sagt er leise zum Chinesen, und winkt ihn hinter sich her zum nächsten freien Sitzplatz. Er setzt sich, heisst auch den Chinesen sitzen, zückt ein Büchlein und macht sich eine Notiz. Er steckt das Büchlein in die Jacke zurück und schaut nachdenklich zum Fenster hinaus.
Der Chinese starrt geradeaus und rührt sich nicht. Als der Bus aber an der nächsten Haltestelle stoppt, und die ersten Passagiere schon aussteigen, steht er plötzlich auf und geht schnell zur Tür.
«Aha, wir steigen aus!» Der Polizist eilt geistesgegenwärtig hinterher, drückt einige Passagiere weg, um zum Chinesen aufzuschliessen, packt ihn dann am Arm, und schleppt ihn zum Automaten.

«Normalerweise kauft man bei uns das Billet natürlich im Voraus. In unserem Fall aber machen wir eine Ausnahme. Im Endeffekt kommt es sogar aufs Gleiche heraus!» Er sieht den Chinesen streng an, setzt dann aber wieder sein Lächeln auf, und diesmal lächelt auch der Chinese, wenn auch etwas angestrengt und nur kurz.
«So, Zone 1, dafür muss man hier drücken, sehen Sie? Kein Halbtax, oder? Das macht 3.40 Franken.»
Sie blicken sich fünf Sekunden lang schweigend an. «…Wissen Sie was, ich bezahle für Sie!» Der Polizist zieht seine Brieftasche aus der Hose und wendet sich wieder dem Billetautomaten zu.
«Ausnahmsweise. Sie haben ja nicht mal ein Halbtax… Halbtax, das heisst, dass man nur den halben Fahrpreis bezahlen muss, dafür aber einen Betrag von 150 Franken für das ganze Jahr im Voraus bezahlt. Das lohnt sich, ich kann Ihnen das Halbtax empfehlen. Wollen wir es gleich kaufen, ja? In der Nähe gibt es einen Ticket-Shop! Hier, die Karte.»
Als sich der Polizist umdreht, steht kein Chinese mehr da. «Was zum…», zischt er, sieht sich erregt um, greift geistig zur Trillerpfeiffe, die er nicht hat. Er entdeckt ihn aber gleich wieder, am Ende der Strasse.
«He, Sie, halt! Halt!» Der Polizist rennt in Richtung Chinese. Der Chinese trottet über die Strasse. Als er die Rufe des Polizisten hört, die so laut sind, dass die Passanten sich nach der Szene umschauen, bleibt er auf der Stelle stehen, dreht sich aber nicht um. Der Polizist trifft schnaufend bei ihm ein und stellt sich breit vor ihn hin.
«…Mein guter Mann, was machen Sie denn? Sie sind mir vielleicht ein Subjekt! Und ich bezahle das Billet sogar für Sie! Hier, nehmen Sie!»
Der Chinese nimmt zögerlich das Billet.
«Und wie Sie die Strasse überqueren! Wissen Sie eigentlich, wie gefährlich Ihr Verhalten ist? Es gibt hier doch überall Fussgängerstreifen… Jährlich gibt es ein Dutzend Verkehrstote in dieser Stadt, wissen Sie das nicht! Kommen Sie mit, ich bringe es Ihnen bei!»
Der Polizist schiebt den Chinesen zum nächsten Fussgängerstreifen. Sie bleiben am Rand der Strasse stehen. Es beginnt eine Lektion, bei der Streifen mit und ohne Ampel überquert werden, wobei der Polizist seinen Schüler am Arm führt. Nach einer halben Stunde lässt er es gut sein. Er sieht seinen Schützling prüfend an.
«Ich glaube es ist besser, wenn ich Sie nach Hause begleite. Nicht auszudenken, was Sie sonst noch alles anstellen! Wo wohnen Sie?»
Der Chinese schaut ausdruckslos geradeaus und rührt sich nicht.

«Na, gehen Sie schon nach Hause! Ich begleite Sie ja!»
Vom Polizisten angeschubst, beginnt der Chinese langsam zu gehen. Er dreht sich um, sieht den Polizisten hinter sich, und geht dann zögerlich weiter.
Immer wenn er den Kopf dreht, ist der Polizist hinter ihm und nickt ihm aufmunternd zu. Er geht langsam weiter. Sein Weg führt mal nach links, mal nach rechts und dann wieder zurück.
Der Polizist sagt nichts, setzt aber eine strenge Miene auf. Wahrscheinlich tritt der Chinese nur in den Supermarkt, weil er nicht so recht weiss, was er machen soll. Er kauft ein paar Früchte und Bier.

«Sie haben ein gutes Bier gekauft! Bei uns gibt es verschiedene ausgezeichnete Kleinbrauereien», meint der Polizist, als sie wieder auf der Strasse stehen. «Soll ich die Tasche für Sie tragen?»
Schon hat er dem Chinesen die Tasche abgenommen. Dieser blickt sich ratlos um, und setzt sich schliesslich wieder in Bewegung. Diesmal geht der Polizist neben ihm her. «Wollen wir nicht den Bus nehmen? Na gut, Sie müssen selber wissen, wo es lang geht.»
Der Nachhauseweg des Chinesen bleibt eine verwirrliche Sache. Der Polizist erwägt den Vorschlag, eine Stadtkarte zu Hilfe zu nehmen, sagt dann aber nichts.
«Schauen Sie hier rechts!», meint er nach einer Weile. «Das ist eine Sammelstelle für Pet-Flaschen. Entsorgen Sie Ihre Abfälle immer separat! Auch Abfall enhält wertvolle Materialien, die man wiederverwerten kann.»
Sie gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, durch saubere Strassen, an sauberen, blumenbekränzten Häuserreihen lang.
«Unsere Strassen sind übrigens im Minimum 6,5 Meter breit, und die Trottoirs sind 1,8 Meter breit, damit sich zwei Kinderwagen bequem kreuzen können.»
Ein verdächtiger Nachhauseweg, das ist dem Polizisten klar. Er will immerhin die Zeit nutzen.
«Da vorn sehen Sie ein öffentliches WC. Die Benutzung ist gratis! Es gibt in unserer Stadt 93 öffentliche WC- und Pissoiranlagen, die zweimal täglich gereinigt werden. Der bestehende WC-Automat im vorliegenden WC ist allerdings in die Jahre gekommen. Er wird aber bald durch ein neues Modell ersetzt.»
«Da! Was für eine Schande, nicht wahr? Zwei Klötze, die überhaupt nicht ins Landschaftsbild passen! Sie verunstalten nur die schöne Gegend! Also wenn Sie sich gestört fühlen – ja, zum Beispiel durch Lärm. Es wird immer wieder unnötiger Lärm verursacht! Wenden Sie sich einfach an die Fachstelle Lärmschutz. Das Team wird sich bemühen, Ihnen weiterzuhelfen.»
«Das ist das Vereinslokal der Fasnachtsgesellschaft. Kennen Sie die Guggenmusik? Das ist ein Spass! Die aktive Beteiligung der Bevölkerung am Vereinsleben ist sehr erwünscht. Auch Sie können jederzeit mitmachen!»

Irgendwann, mit zunehmender Ermüdung, schlägt der Chinese eine bestimmtere Richtung ein. Der Polizist verstummt. Vor der Tür eines älteren Hauses in einer billigen Wohngegend bleibt der Chinese schliesslich stehen.
Er blickt den Polizisten ganz kurz an, wirft dann einen Blick auf die Einkaufstasche in dessen Hand, zögert noch einen Augenblick, und zieht dann einen Schlüssel hervor, mit dem er die Tür aufschliesst.
Sie gehen die Treppe hoch, der Chinese öffnet die nächste Tür, und sie treten in eine Wohnung ein.
Eine Frau, ein Kleinkind im Arm, kommt zur Tür und erstarrt mit erschrecktem Gesicht. Sie reisst sich aber schnell zusammen und beginnt unsicher in Richtung des Polizisten zu lächeln, während sie dem Chinesen fragende Blicke zuwirft.
Die beiden verschwinden in der Küche, von wo man die Stimme der Frau hört, die mit Fragen auf den Mann einstürmt.
Der Chinese antwortet ruhig und knapp. Das Kind beginnt zu weinen. Schliesslich tritt der Polizist ebenfalls in die Küche, die Frau lächelt wieder und bedeutet ihm am Küchentisch Platz zu nehmen.
Etwas später steht das Abendessen auf dem Tisch. Ein dem Polizisten unbekanntes Gericht mit Huhn, das ihm aber mundet. Allerdings empfiehlt er das Gemüse möglichst selten in Öl zu dünsten, wegen der Gesundheit und den wertvollen Vitaminen.
Der Chinese und seine Frau hören schweigend zu, und auch die beiden Kinder – neben dem Kleinkind ist noch ein etwa vierjähriges Mädchen zum Vorschein gekommen – sind ganz still.
Hochwertiger Quark sei wichtig, erklärt der Polizist, die Qualität erkenne man an der Flockigkeit. Vorzugsweise zum Frühstück einzunehmen. Damit zieht er eine Dose Quark aus der Tasche und übergibt sie der Hausfrau.

Um 19 Uhr bringt der Polizist die Kinder zu Bett. Sie sind sehr still und artig, lassen sich bereitwillig zudecken, bleiben ruhig, als das Licht ausgeht, und lassen nichts mehr von sich hören, so dass man annehmen muss, dass sie bald eingeschlafen sind.
Zurück in der Küche erklärt der Polizist den Eltern die Grundzüge der Erziehung, und dass sie vor allem die wichtigen Entwicklungsphasen der Zahnwechsel bewusst begleiten sollen.
Dann zeigt er ihnen, wie die Küche mit Stosslüften richtig gelüftet wird, ohne dass die Räume zu stark abkühlen.
Um 23 Uhr ist es auch für die Eltern Zeit zu Bett zu gehen. Der Polizist macht ihnen klar, dass zu langes Fernsehen nicht gesund für die Augen sei und ausserdem der Konzentration schade.
Für sich selber hat der Polizist das Klappbett im Eltern-Schlafzimmer aufgestellt. «Also dann, gute Nacht, schlafen Sie gut und träumen Sie süss! Eine hiesige Redensart! Morgen kaufen wir gleich eine Sparlampe!»
Mit diesen Worten löscht der Polizist das Licht, und bald verraten seine regelmässigen Atemzüge, dass er eingeschlafen ist.

“Sparlampen kaufen!” Das war die letzte Uebermittlung des Polizisten, in der Zentrale empfangen um 22.56 Uhr. Danach blieb er verschollen, und seine Akte wurde sechseinhalb Jahre später geschlossen.