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Knock & Out

Es war die 57. Minute. Die Szene, die dann wieder und wieder am TV gezeigt werden würde, endlos, in einer eigenartigen Synchronität zum Ereignis. Im Nachhinein, aus der zeitlichen Distanz und mit einem durch unzählige Analysen von Fussball-Experten geschärften Blick, sieht man alles in einer unrealen Deutlichkeit vor sich, jede Bewegung, jedes Detail, Zeitlupe, Nahaufnahme.

Hamanns Bewegungsablauf beim Schuss.
Der Ball rollt knapp vor ihm, ohne jeden Drall, ganz gleichmässig auf dem topfebenen Rasen. Hamanns Standbein stemmt sich wuchtig neben dem Ball in den Grund, das rechte, angewinkelte Bein streckt sich, der Fuss schwingt zum Ball, alle Muskeln ziehen sich zusammen.
Inzwischen wissen wir, dass jeder Millimeter, jeder Zehntelmillimeter entscheidend war. Eine kleine Unebenheit des Rasens, ein bisschen Dreck am Schuh, jede Kleinigkeit hätte gereicht, um alles abzuwenden. Hätte.

Es kam, was eines Tages kommen musste.
Zum schicksalhaften Zeitpunkt aber sahen die Fans nur einen harten Schuss aufs Tor und sprangen von den Sitzen. Jedermann hielt die Luft an, während der Ball über den Rasen zischte, eine Stille von einer, zwei Sekunden, durch die der Ball eine gnadenlose Gerade zog, eine exakte geometrische Figur, eine Linie hart wie Stahl.
Torhüter Zuberbühler überkam eine Ahnung, so plötzlich, dass ihm ein bisschen übel wurde. Er machte keinen Wank, während der Ball auf ihn zuschnellte. Nur den Kopf drehte er, als der Ball vorbeizischte – paff! Der erste Aufschlag, der erste Rückprall. Der angestaute, kollektive Aufschrei, wie der Ball an den Pfosten schlägt. Paralysiert und bleich sieht Zuberbühler aus dem Augenwinkel, wie der Ball hinter ihm durchzischt, der Linie lang. Ganz genau der Linie lang.

Genau der Linie lang an den anderen Pfosten – paff! Der Aufschlag, der Rückstoss. Der neuerliche Aufschrei der Menschenmenge. Der Ball zischt zurück. Erst beim vierten und fünften Aufschlag wurde der Aufschrei der Menge leiser. Und dann starb jedes Geräusch im Stadion ab.

Beim siebten Aufschlag war es totenstill. Alle 38 000 hatten mit einem Mal begriffen, dass es passiert war. Das Ereignis, vor dem Sportphysiker seit Jahren gewarnt hatten: der Knock&Out-Torschuss!
Den Schrecken in den Gesichtern, beobachteten die Fans, wie der Ball von einem Pfosten zum anderen pendelte, mitten in der Stille des Stadions, zu einem Perpetuum Mobile geworden. Die Wucht des Aufpralls wirft den Ball zum andern Pfosten und so weiter und so fort.
Das war vor 53 Jahren. Heute ist das Stadion fast leer. Von den Fans der Ostkurve sind vier Fünftel gestorben. Sie wurden auf dem Spielfeld begraben, hinter dem Tor ihrer Mannschaft, solange der Platz reichte, später im Strafraum. Ihre Schals hängen als letzter Gruss an der Abschrankung.
Die Spieler haben sich auf dem Platz zum Sterben hingelegt, und aus manchem Fernsehzimmer ist der Bestattungsunternehmer mit einem geschlossenen Sarg getreten, still und ernst.
Eine jüngere Generation von Sportphysikern schöpft heute aber wieder Hoffnung. Obwohl das Material von Ball und Torumrandung erstklassig sei, dürfte die Abnützung innerhalb der nächsten 10 Jahre die Entscheidung bringen, glauben sie. Ein kleinster Riss an der Aussenhaut des Balles zum Beispiel könne beim Aufschlag zu einer minimalen, entscheidenden Richtungsänderung führen.

Die Fifa hat schon ein Krisenreglement ausgearbeitet. Schiedsrichter Nobs wird das Spiel abpfeiffen (man kann nur hoffen, dass sich sein kritischer Gesundheitszustand wieder bessert), falls der Ball ins Tor rollt. Der FC wäre dann der Sieger – allerdings nur, wenn noch ein Spieler lebend auf dem Platz steht. Das Stadion könnte sofort abgerissen werden.
Rollt der Ball aber ins Spielfeld zurück, werden die verbleibenden 33 Minuten gespielt, wozu neue Mannschaften auflaufen dürfen. Die Fanklubs erhalten in diesem Fall Gratis-Eintrittskarten, so dass einem richtigen Fussballfest nichts im Wege steht.