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Gestern morgen

Gestern Morgen erwachte Manfred Krauss mit dem Gefühl, sehr sehr schwer zu sein. Gewöhnlich richtete er sich mit einem energischen Ruck sofort auf, trat zum Fenster und streckte sich ausgiebig, doch jetzt schwante ihm schon mit dem Aufschlagen der Augen, dass dies nicht möglich sein würde.

Als er sich vorsichtig zu bewegen versuchte, stellte er fest, dass er lediglich die Arme um einige Zentimeter vom Körper wegzudrücken und wieder heranzuziehen imstande war. Zudem konnte er den Kopf ein wenig zur Seite drehen. Sein ungeheures Gewicht drückte ihn tief in die Matraze.

Es war ihm, als konzentriere sich das Gewicht in der Bauchgegend und als sei sein Bauch - sehen konnte er ihn nicht, da er den Kopf nicht anheben konnte - stark angewachsen. Mit diesem Gefühl lag Manfred im Bett, unbequem und von einer bangen Vorahnung erfüllt. Er dürfte dann nur noch wenige Minuten unter uns geweilt haben.

Nach seiner Befindlichkeit gefragt, hätte er von der rätselhaften Schwere gesprochen und vom Gefühl, dass in seinem Bauch etwas Grosses sitze, das sekundenlang zu surren, zu schnurren oder zu ticken schien, um dann wieder (er hätte nach Worten gesucht, aber doch keinen besseren Ausdruck gefunden) eine Art erstickte Sprechlaute von sich zu geben.

Nach einem letzten Versuch, die Arme anzuheben, explodierte Manfred dann, halb zugedeckt. Mit ihm flogen innert Sekunden das Mietshaus an der Wilhelm Brauer-Strasse und auch diese Strasse selbst in die Luft, ja die meisten Strassen der Stadt, wie auch ein beachtlicher Teil der Agglomeration und - bedeutende Gebiete des Landes.

Es war schon unglaublich, wie die wenigen Überlebenden Sekunden nach der Explosion mit der grössten Selbstverständlichkeit zu den Aufräumarbeiten übergingen. Wenige Minuten später waren die Toten geborgen, begraben und betrauert, die Trümmer weggeräumt, der Wiederaufbau beendet, und der Alltag kehrte ein.

In den Zeitungen von heute findet der geduldige Leser gerade mal eine Notiz von fünfzehn Zeilen, wonach der grösste Teil des Landes gestern um 7.32 Uhr zerstört worden sei, und im Fernsehen wird schon wieder eine Million verlost... – gäbe es diese Geschichte nicht, wäre der Vorfall bereits vergessen.