Gigant der Schweizer Malerei - der Schweizer Maler Franz Lämmli

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Lange Jahre nach seinem Tod ist das Werk des Malers Franz Lämmli im öffentlichen Raum immer noch omnipräsent. Wie ein Fels steht es nach wie vor in der Brandung des modernen öffentlichen mobilen Lebens, bleibt allgemein sichtbar, intuitiv verständlich, warnt und leitet. Auch der jungen Generation bietet es unschätzbare Orientierungshilfe. Schweizer Malerei, die auch im internationalen Vergleich ihren festen Platz hat und die auch ausländische Gäste unmissverständlich anspricht! Und doch – Franz Lämmli selber blieb ein Unbekannter! Kaum jemand weiss etwas über den Freund Walter Moers, den Lämmli vielfach verewigt hat. Dieser Beitrag rückt die prägende Freundschaft der beiden Männer sowie weitere Motive in Lämmlis Werk ins Blickfeld. Als kongeniale Autorin konnte verdankenswerterweise Frau Dr. Bernadette Gründler, Präsidentin der Lämmli-Stiftung, gewonnen werden.

1. Lebenstationen in Bildern

I. Walter an der Treppe. Ein Portrait von Walter Moers, das Lämmli meiner Meinung nach ganz besonders gelungen ist. Der Freund wirkt während des Treppensteigens vollkommen versunken, was seine manchmal verträumte Art treffend zum Ausdruck bringt.

II. Die Wanderung nach Kloten. Die beiden Freunde beim Wandern. Ein Werk mit so grossem sentimentalem Wert, dass es von Lämmli lange als unveräusserlich bezeichnet wurde. 1963 erschien es dann doch erstmals in der Öffentlichkeit.

III. Walter und Julia. Es hat lange gedauert, bis Lämmli akzeptieren konnte, dass sein Freund ein Familienleben wählte, heiratete und bald zu Kindern kam. Während erst nur Einzelportraits von Walter entstehen, kommen ab dem Jahr 1952 Bilder mit Walter und Kind dazu (nicht aber mit Ehefrau Klara!).

IV. Marsch der Jugend. Walters Kinder standen auch Modell für den "Marsch der Jugend" aus dem Jahr 1957. Julia und Walter junior verkörpern den Zukunftsglauben, der jene Schaffensphase prägte.

2. Identitätskonflikte und Homoerotik

Nicht nur bei Marx und Engels stellt die störende Herkunft aus dem Bürgertum einen Problemkomplex dar. Das Werk "Arbeiter W." war der Anlass eines ernsthaften vergleichbaren Konflikts zwischen Lämmli und Moers.
In den 30er Jahren traten die Freunde gemeinsam der kommunistischen Partei bei. Das Portrait von Moers als Proletarier ist Ausdruck des damaligen Idealismus, ging dem Portraitierten aber eindeutig zu weit. Moers, der in leitender Funktion in der Verwaltung tätig war, schreibt dem Freund, dass ihn diese Rollenzuschreibung "geradezu beschäme". Der Maler fühlt sich unverstanden. Er reklamiert, dass es um keine Äusserlichkeit gehen könne, sondern die Innerlichkeit der Gesinnung das Wahre sei.
Obwohl sich der Streit vordergründig um diese geteilten Ansichten dreht, war das Bild bestimmt auch Höhepunkt einer anderen, noch versteckter dräuenden Krisis. Ganz zu recht hat sich die neuere Rezeption verstärkt der homoerotischen Komponente zugewandt, welche in dieser Männerfreundschaft wirkte und in manchem Werk des Malers Franz Lämmli durchscheint. Das Werk nun, das Walter mit nacktem, schweissglänzendem Oberkörper zeigt, war der klarste Ausdruck dieser Zuneigung, welchen Lämmli sich je gestattete. Bestimmt waren die nie ausgelebten Gefühle der beiden Männer füreinander in dieser Zeit im Aufruhr.
Dass Lämmli das Symbol des Dreiecks als umfassende Form gewählt hat, ist bestimmt kein Zufall. Das Dreieck, vor allem das rote Dreieck, deutet bei ihm ja immer auf eine mögliche Gefahr hin und hat etwas Bedrohliches. Er muss wohl geahnt haben, dass er mit seiner Darstellung die homoerotischen Gefühle zwischen ihm und seinem Freund schürte. In diesem Zusammenhang ist auch das Walter!-Verbot von 1946 zu sehen.

3. Rätsel einer Beziehung

Die vorliegende Bilderfolge hat der Lämmli-Forschung schon vieles Kopfzerbrechen bereitet. Lämmli griff seine Motive immer wieder auf und variierte sie, und es erstaunt nicht, wenn er dies ebenfalls mit den Portraits seines Freundes macht. Was aber ist mit der Variation "2x" gemeint? Und wieso ist das jüngere Werk seitenverkehrt? Im folgenden kann nur ein überblick über die Hauptströmungen der Interpretationen gegeben werden. Wer sich vertieft mit dieser Frage beschäftigen will, halte sich bitte an die Fachliteratur.

1. Karl Saiblain als der prominenteste Vertreter der sogenannten "psychologischen Schule" deutet die Folge als klaren Ausdruck der versteckten Schizophrenie, welche in Lämmlis Persönlichkeit unverkennbar sei. "2x" beziehe sich unbewusst auf diese Spaltung; das Erscheinen des Freundes verwische die Grenzen zusätzlich, denn auch im Verhalten gegenüber Moers sei in dieser Zeit vermehrt ein Mangel an Abgrenzung aufgefallen.

2. Die "Thematiker" erkennen eine Beschäftigung mit der aufkommenden Umweltproblematik. Moers symbolisiere die bedrohte Natur, die auf einem schmalen Grat wandere. Der Einbezug einer Ziffer und die Umkehr des Seitenverhältnisses brächten die mehrfachen Bedrohungen der Natur in der modernen Welt zum Ausdruck.

3. Die Befürworter der "Entwicklung" glauben, dass Lämmli hier erstmals auf eine Thematik Bezug nehme, die er später vertieft behandelt: jene der ewigen Wiederkehr. Die idealisierte Freundschaft zu Moers habe der Maler Lämmli als "immerwährend" verstanden, wodurch es naheliegend gewesen sei, Moers zum absoluten Sinnbild für das Ewige zu machen.

4. Inhaltliche und formale Entwicklung

Der Maler Franz Lämmli gilt vielen als konservativer Schweizer Künstler. Nachdem er in seinen Anfängen zu den für ihn typischen Kreisen, Dreiecken und Quadraten, zum wiederkehrenden Rot und Blau gefunden hat, sei seine Entwicklung stehengeblieben, wird oft argumentiert. Dem ist energisch zu widersprechen. Wer so argumentiert, übersieht fahrlässig die Pfeilsymbolik, von der an anderer Stelle die Rede ist. Die formale Konsistenz mag wohl zutreffen. Lämmli hatte eben früh seine Form gefunden. Inhaltlich aber hat er sich immer wieder neuen künstlerischen Herausforderungen gestellt. Wovon etwa das vorliegende Bild «Mobile» aus dem Jahr 1956 Zeugnis ablegt, das die moderne Technik zum Thema hat. übrigens ist das Bild - wie andere unserer Auswahl - im original Weltkriegs-Rahmen erhalten.

In seinem Spätwerk gelingt es Lämmli nochmals, eine neue Symbolik einzuführen. Der Doppelpfeil erscheint in seinen Bildern, den er als Ausdruck der Wiederkehr versteht. Die Erkenntnis der Wiederkehr und die Errungenschaft ihrer Versinnbildlichung können aber die Bitterkeit, die Lämmli immer stärker verspührt, nicht mildern.
Diese Verdüsterung hängt damit zusammen, dass sein Werk zwar triumphale Erfolge feiert und sich durch die grosse öffentliche Förderung rasend schnell über die ganze Schweiz ausbreitet, was Lämmli innert Kürze zum erfolgreichsten und meist beachteten Schweizer Maler macht. Die Rezeption aber bleibt trotzdem lau. Während sich kaum jemand vernehmlich begeistert, bildet sich eine leidenschaftliche Gegnerschaft, welche die Arbeiten überflüssig findet, ihre Zahl eine Plage schimpft und sie nicht beachtet. Lämmli, der sich immer als Maler der modernen, mobilen Volksschicht verstanden hat, ist verletzt. Während dieser Zeit geschieht es, dass er sich vollkommen auf die Abstraktion zurückzieht. Die Realität, welche ihm nurmehr Enttäuschung zu bereiten scheint, lehnt er ab. In seinen unbenannten Bildern bleibt jetzt kein Platz mehr für figürliche oder sonstige realitätsnahe Motive. Zuerst wird dieser Platz nur von einer Querlinie eingenommen, später kommt gar eine gegenläufige Querlinine dazu, womit dem Realen der Platz gänzlich versperrt ist.